AfD-Mitglieder – Mehr als nur Mitläufer | Politik
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AfD-Mitglieder:Mehr als nur Mitläufer

2023 stiegen nicht nur die Umfragewerte der AfD, es traten auch viele Menschen in die Partei ein. Woher sie kommen, was sie antreibt - und was diese Zahlen bedeuten.

Von Tim Frehler

Der Auslöser war dieses Mal keine Umfrage. Gut möglich aber, dass genau das der Grund ist, warum die Zahlen, die vergangenen Dienstag veröffentlicht wurden, so ein Echo erzeugten. Schließlich stammen sie nicht von einem Institut, sondern von der AfD selbst. Die gab bekannt: Mehr als 40 000 Menschen seien derzeit Mitglied ihrer Partei, ein Anstieg von etwa 37 Prozent im Vergleich zum Jahresende 2022.

Ein Formular auszufüllen, es abzuschicken und damit einer Partei beizutreten, das hat eine andere Qualität, als in Umfragen zu sagen, man beabsichtige, die AfD zu wählen. Es ist auch ein Unterschied, einer Partei hin und wieder seine Stimme zu geben - oder sich ihr anzuschließen. Was also treibt Menschen an, Mitglied der AfD zu werden? Woher kommen die Neulinge? Und was bedeuten die Zahlen im Vergleich mit anderen Parteien?

Die AfD verspreche "echte Demokratie", sagt ein Populismus-Experte

Eine Erklärung dafür, warum sich jemand dazu entscheidet, Teil der AfD zu werden, liefert Marcel Lewandowsky, Privatdozent an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Dem Politikwissenschaftler zufolge schließen sich Menschen Parteien aus unterschiedlichen Gründen an: Etwa weil sie Karriere machen oder sich zu einer Partei bekennen wollen. "Es gibt auch diejenigen, die aus Idealismus beitreten", sagt er. Bei der AfD merke man aber, dass sie Personen anziehe, "die sich politisch engagieren wollen". Dass diese sich dann speziell für die AfD entscheiden, habe auch mit einem Alleinstellungsmerkmal der Partei zu tun. "Die AfD verspricht Basisdemokratie", sagt Lewandowsky, "auch ihren Mitgliedern gegenüber."

Hinter diesem Wunsch nach direkter Demokratie steckt laut Lewandowsky bei vielen AfD-Sympathisanten die Wahrnehmung, "in Deutschland nicht in einer echten Demokratie zu leben". Sie hätten vielmehr den Eindruck, eine vermeintliche Elite, zu der auch die übrigen Parteien gehören, bestimme über den Kurs des Landes - und missachte dabei den eigentlichen Willen der Bevölkerung. Den Gegenentwurf finden sie bei der AfD. Die "verspreche, dass bei ihr echte Demokratie herrsche", sagt Lewandowsky. Da sei es auch kein Hindernis, dass die Partei mittlerweile in drei Bundesländern als gesichert rechtsextrem gilt. "Die Anhänger der AfD können damit einwandfrei leben", sagt der Populismus-Experte.

Doch wer sind die Neulinge eigentlich? Zahlenmäßig kämen die meisten aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen, sagt Carsten Hütter, Schatzmeister der AfD, auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung. Der Frauenanteil in der Partei sei von 17 auf 21 Prozent gestiegen, außerdem verzeichne die AfD bei den unter 30-Jährigen einen Anstieg um etwa eineinhalb Prozentpunkte auf nun sechs Prozent, wie Hütter mitteilt. Auch berichtet er von einem verstärkten Interesse bei Unternehmern, Handwerkern und Landwirten, dem "klassischen Familienbetrieb", an seiner Partei. Genaue Zahlen nennt er hierzu aber nicht.

Bleibt die Frage, was die AfD-Mitgliederzahl bedeutet, wenn man sie in einen größeren Kontext setzt. Fakt ist: Seit ihrer Gründung waren noch nie so viele Menschen Mitglied der AfD wie zu diesem Zeitpunkt. Doch der Höchstwert relativiert sich bei genauerer Betrachtung - vor allem im Vergleich mit anderen Parteien. Allerdings kann man dafür überwiegend noch nicht auf Angaben aus den Vorjahren zurückgreifen, weil in den meisten Parteien die Auswertung der Mitgliederdatenbanken noch läuft.

Nicht nur die AfD gewann zuletzt Mitglieder hinzu

Doch auch die Daten aus dem Jahr 2022 belegen: Das Ranking der Mitgliederzahlen führen weiterhin SPD und CDU an. Obwohl der Trend bei beiden seit Jahren nach unten zeigt, kommen sie auf fast zehnmal so viele Mitglieder wie die AfD. So zählte die SPD zum Jahresende 2022 knapp 380 000 Anhänger, die CDU etwa 372 000. Bei der Union steuert außerdem die CSU noch weitere Mitglieder bei, insgesamt seien es zum Jahresende 2023 etwa "131 000 Voll-, Probe- und Onlinemitglieder" gewesen, teilt ein Sprecher mit - knapp 1000 weniger als im Vorjahr.

Die Veröffentlichung der AfD-Mitgliederzahlen zu Jahresbeginn erregte wohl auch deswegen Aufmerksamkeit, weil der Anstieg mit 37 Prozent so groß ist. Doch die AfD ist nicht die einzige Partei, deren Basis sich zuletzt vergrößerte. Die Grünen verzeichnen ebenfalls seit Jahren Zuwächse, wenngleich diese zuletzt marginal ausfielen und es Ende 2022 mit 126 451 nur gut 700 Grüne mehr als im Jahr davor gab. Auch die Anhängerschaft der FDP wuchs bis zum Jahr 2021, ehe der Trend zuletzt wieder leicht nach unten zeigte. Zum Jahreswechsel kamen die Liberalen auf 76 100 Mitglieder, 900 weniger als im Vorjahr. Bei der Linken bewegte sich die Anhängerzahl in den vergangenen Jahren stets im Bereich der 60 000er-Marke, fiel 2022 aber auf 54 214 ab.

Der Vergleich zeigt: Trotz des Zuwachses rangiert die AfD bei den Mitgliederzahlen noch immer hinter der Konkurrenz. Ein Nachteil, der sich auch finanziell bemerkbar macht: Wie viel eine Partei jährlich einnimmt, etwa durch Spenden, Mitgliedsbeiträge oder Geld aus der staatlichen Parteienfinanzierung, steht in ihrem Rechenschaftsbericht. Die aktuellsten stammen aus dem Jahr 2021 und zeigen: Von der FDP bis zur Linken stellen die Mitgliedsbeiträge in sämtlichen Parteien einen größeren Teil der Einnahmen dar als bei der AfD. Die extrem rechte Partei nahm 2021 laut Rechenschaftsbericht insgesamt etwa 25 Millionen Euro ein, knapp 4,2 Millionen davon durch Mitgliedsbeiträge, was einem Anteil von gut 16,8 Prozent entspricht. Zum Vergleich: Bei der Linken war der Anteil mit mehr als 32,5 Prozent am höchsten - auch weil sie relativ wenig Spenden bekam.

Der AfD gelingt es besonders in einem Bereich, ihre Schwächen wettzumachen

Durch die Neulinge dürfte die AfD den Abstand zu den anderen Parteien in Zukunft verringern. Um wie viel genau, ist noch unklar, aber eine Beispielrechnung gibt erste Hinweise: Die AfD veranschlagt als Richtwert für ihren Mitgliedsbeitrag ein Prozent des Nettoeinkommens, mindestens aber 120 Euro jährlich. Würden die etwa 10 000 Mitglieder, um die die Partei seit dem vergangenen Jahr gewachsen ist, jeweils nur den Mindestbetrag bezahlen, würde das der AfD gut 1,2 Millionen Euro an zusätzlichen Einnahmen bescheren. Und weil sich die Höhe der Mittel, die Parteien vom Staat erhalten, auch nach den Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen errechnet, dürften die Zahlungen vom Fiskus ebenfalls steigen.

Neben den Finanzen spielen Mitglieder für Parteien auch in Wahlkämpfen eine wichtige Rolle. Dass ihre Basis im Vergleich zur Konkurrenz kleiner ist, konnte die AfD bislang allerdings wettmachen, erklärt Frank Decker, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn. Und zwar indem sie im Hinblick auf ihre Selbstvermarktung auf einen Bereich setzt, in dem es gar nicht unbedingt darauf ankommt, wie viele Mitglieder man hat. "Bei der Wähleransprache ist die AfD vor allem in den sozialen Medien sehr erfolgreich, da ist sie auch sehr professionell aufgestellt", sagt Decker.

Nun geht es bei Wahlen aber auch darum, ausreichend Kandidaten für mögliche Mandate aufzustellen. Vor allem auf der lokalen Ebene sei das nicht immer einfach, sagt Politikwissenschaftler Decker. "Da teilt die AfD mit den anderen Parteien das Problem, dass nicht genügend Leute da sind." Zusätzliche Mitglieder vergrößerten natürlich den Pool, aus dem Personal rekrutiert werden könne. Das dürfte 2024 noch von Bedeutung sein: In neun Bundesländern stehen Kommunalwahlen an.

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