Satiriker Jan Böhmermann und Miguel Robitzky:"Das Grundgesetz ist wie eine Exceltabelle"
Jan Böhmermann und Miguel Robitzky zeigen im ZDF einen Animationsfilm zur Entstehungsgeschichte des Grundgesetzes - mit Tieren. Ein Gespräch.
Interview von Marc Baumann
Die Satiriker Jan Böhmermann und der Autor und Zeichner Miguel Robitzky haben einen Animationsfilm gemacht. Laut "Das Grundgesetz der Tiere", der am 19. Januar im ZDF zu sehen ist, wurde die deutsche Verfassung 1949 von ein paar Tieren geschrieben, weil die Menschen unfähig waren. Ein Interview mit den Filmemachern über die Sehnsucht nach einem besseren Gründungsmythos unserer Demokratie, Angriffe von rechts und die Synchronstimme von Uschi Glas.
SZ: Das Grundgesetz hat erst am 23. Mai seinen 75. Geburtstag, Ihr Film "Das Grundgesetz der Tiere" läuft bereits am 19. Januar im ZDF. Wollten Sie nur als Erste gratulieren oder soll das ein Weckruf sein, in Zeiten politischer Radikalisierung rasch die Verfassung zu würdigen?
Jan Böhmermann: Wir wollen den Ton fürs Jahr setzen. Nein, ehrlich gesagt, es war fast ein Zufall, dass wir das jetzt rausbringen. Der Film sollte letzten Oktober kommen, aber es hat ein bisschen länger gedauert, und jetzt passt es doch ganz gut.
Was fasziniert Sie so an diesen Tagen vom 1. September 1948 bis zum 8. Mai 1949, als 65 Männer und Frauen sich trafen, um als Parlamentarischer Rat unsere Verfassung zu schreiben?
Böhmermann: Der Ort erst mal: das Naturkundemuseum Alexander Koenig im zerbombten Nachkriegs-Bonn. Dort stand eine Giraffe unter einem riesigen Tuch mitten im Sitzungssaal, weil man sie nicht rausräumen konnte. Der Stenograf, der mitgeschrieben hat, war ein paar Jahre vorher noch bei Roland Freisler am Volksgerichtshof und hat die Todesurteile stenografiert. Delegierte des Parlamentarischen Rates haben ihren weniger humanistisch bewegten Kollegen schockierende Filme aus Konzentrationslagern gezeigt. Das war das Biotop, in dem das alles stattgefunden hat. Und das alles ist so unerzählt. Geht man mit seinen Kindern an einem regnerischen Sonntag mal ins Museum Koenig nach Bonn, ist alles, was man noch sieht, eine Bronzetafel.
Miguel Robitzky: Jan hat uns in der Redaktion die historischen Fotos gezeigt, wo man die Giraffe im selben Raum mit Politikern wie Konrad Adenauer und Theodor Heuss gesehen hat - das sieht schon aus wie ein Cartoon. Da spielt sich sofort ein Film im Kopf ab. Wir sind dann mit einer kleinen Gruppe nach Bonn gefahren, haben uns die ausgestopften Tiere angeguckt und überlegt, wie die das damals wohl angestellt haben.
Böhmermann: Wahnsinnig viel in dem Film entspricht den historischen Fakten, das verbinden wir mit Dingen, von denen wir uns wünschen, dass sie der Wahrheit entsprechen würden.
Richtet sich der Animationsfilm besonders an eine junge Zielgruppe?
Böhmermann: Sie denken da jetzt aber sehr vom Ende her. Wir haben uns erst mal gefragt, warum gibt es keine Mythen, Legenden und Märchen rund um die Entstehungsgeschichte eines der theoretisch fortschrittlichsten Verfassungswerke der Welt?
Haben Sie eine Erklärung?
Böhmermann: 1949 war nicht die Zeit, in der man Lust hatte auf große Märchen und Legenden oder Glamour. Aber mit 75 Jahren Abstand kann man ja einmal anfangen, sich das Ganze vorzunehmen. Es ist alles da, um spannende Geschichten erzählen zu können.
In einer Stelle des Films sieht man als Gag, wie der Parlamentarische Rat aus Gewohnheit den Hitlergruß macht. Tatsächlich gehörten dem Rat auch Menschen an, die man eher als Mitläufer bezeichnen könnte. Oder mehr. Wäre ein sechsteiliger Podcast nicht auch eine denkbare Erzählform gewesen? Warum wollten Sie lieber den nur 31 Minuten langen Animationsfilm?
Böhmermann: Wir haben für die 31 Minuten zweieinhalb Jahre gebraucht. Miguel und ich haben das damals so grob beraten, er wollte immer schon mal einen Animationsfilm machen - das aber dann wirklich umzusetzen, ist ein unglaublicher Akt. Zumal wenn man nebenbei - in Anführungsstrichen - noch normal arbeiten muss. Es gibt wenige Menschen, die Erfahrung damit haben, in Deutschland Animationsfilme für Erwachsene herzustellen.
Etwa Theodor Heuss und Konrad Adenauer kommen schlecht weg. Oder wollten Sie da mal an Denkmälern sägen?
Böhmermann: Empfinden Sie das als lästerlich? Ist doch nur ein freundlicher Comic, oder? Die beiden sind schon auf Zwei-Mark-Münzen drauf gewesen, die sollen sich mal nicht so anstellen.
Wie kam es, dass am Ende so was wirklich Beeindruckendes wie unser Grundgesetz herumkam, obwohl man neben NS-Gegnern auch Leute in den Raum setzte, die man nicht allesamt als vorbildliche Demokraten bezeichnen würde?
Böhmermann: Alle saßen da im Bewusstsein, dass Deutschland es mal ganz schön verkackt hat - mal wieder. Die einen waren sich keiner Schuld bewusst, weil sie keine Schuld hatten, und die anderen hätten was tun können, haben es aber nicht gemacht. Alle waren sich einig: Es galt viel wiedergutzumachen. Und ich glaube, deswegen ist aus dem Grundgesetz ein so fortschrittliches, der Gemeinschaft und den Menschen zugewandtes Schriftwerk geworden - theoretisch. Es ist bedauerlicherweise immer schon recht frei interpretiert worden. Selbst die AfD beruft sich bei allem aufs Grundgesetz und kriegt es hin, ihre menschenverachtende Weltsicht mit dem Grundgesetz in Einklang zu bringen. Das, glaube ich, war nicht so gedacht.
Waren Politiker früher nicht besser, sondern einfach näher an zwei Weltkriegen dran?
Böhmermann: Die, die noch heile Knochen hatten nach den zwölf Jahren, denen steckte es noch den Knochen. Ich glaube, dass die Umstände, unter denen dieses Werk zustande gekommen ist, ein Grund dafür sind, warum es so wenig bekannte Geschichten dazu gibt - und unsere Beziehung zu unserer Verfassung eher der zu einer Waschmaschinenbedienungsanleitung ähnelt, die man auch nur liest, wenn irgendwas blinkt, piept und nicht mehr funktioniert. Wir müssen anfangen, die Geschichten hinter und in dem juristischen Text zu entdecken. Miguel hat zur Recherche darum das Grundgesetz sogar ganz gelesen, mir waren da zu wenig Bilder drin.
Robitzky: Das Grundgesetz ist ein langweiliges Buch. Aber wir haben versucht, aus dem trockensten Schriftstück, was man so finden kann, eine abgefahrene, abgespacte Fantasy-Märchengeschichte zu schöpfen.
Herr Robitzky, Sie sind der Jüngste von uns, 26. Wo begegnet Ihnen das Grundgesetz?
Robitzky: Das Grundgesetz ist jetzt nichts, was auf Partys und in der Halfpipe Thema Nummer eins ist.
Die AfD und andere mobilisieren im Netz mit allen Mitteln. Ist das Grundgesetz denn ausreichend im Internet unterwegs?
Robitzky: Das sollen die Leute selber entscheiden. Da möchte ich mich jetzt nicht ins SZ-Feuilleton setzen und sagen, lest mehr das Grundgesetz, liebe Skater.
Angesichts der politischen Lage im In- und Ausland, was etwa Rechtspopulisten mit Verfassungen und obersten Gerichten machen, wenn sie an die Macht kommen: Wie viel Sorgen machen Sie sich um "Grundi", wie Sie unsere Verfassung zum 70. Geburtstag mal liebevoll genannt haben?
Böhmermann: Ja, Grundi kann Kampfsport. Theoretisch. Wehrhafte Demokratie und so. Das liest sich schön in Broschüren der Bundeszentrale für politische Bildung, aber was das in der Praxis jetzt zu bedeuten hat, das wagt sich noch keiner auszuprobieren. Persönlich, wenn Sie schon so fragen, bin ich eher interessiert daran, es in der Praxis mit dem Wehrhaftsein mal anzugehen, als immer nur daran zu denken, wie es wohl wäre. Demokratie funktioniert nur im Handeln. Es geht nicht anders.
In Ihrem Musikvideo "Be Deutsch" gehen Jack-Wolfskin-Jacken tragende Bürger mit Radhelm auf Rechte los; in dem zu "Polizistensohn" lehren Staatsbeamte Verbrecher das Fürchten. Meinen Sie so was?
Böhmermann: Wissen Sie, am Ende sind wir aus dem Kunstbereich nur Geschichtenerzähler. Was Sie dann damit machen und wie Sie das umsetzen, das ist dann immer jedem selbst überlassen. Nur so viel: Kommt mal langsam raus aus dem Konjunktiv, ihr Schlafmützen. Es gilt, den Rechtsextremen das Geschäft zu vermiesen.
Herr Böhmermann, Sie erleben selbst Angriffe. Fühlen Sie sich vom Grundgesetz beschützt?
Böhmermann: Lustig finde ich, dass hinter dem ganzen Hass und all den Mord- und Gewaltdrohungen, mit denen ich seit Jahren jeden Tag zu tun habe, immer dieser geniale Gedanke steckt: Jetzt beweisen wir dem miesen Hofnarren Böhmermann mal, wie unrecht er mit seiner Kritik an uns hat, indem wir absichtlich noch viel schlechtere Menschen sind, als er uns vorwirft zu sein.
Robitzky: Können wir mal wieder über die lustigen Tiere sprechen?
Einmal noch kurz ernst: Sie haben schon zum 70. Geburtstag eine Ausgabe ihrer TV-Sendung zur Verfassung gemacht, Herr Böhmermann, mit dem Slogan: "Das Grundgesetz - unfickbar seit 1949." Diese Liebe zum Rechtsstaat, hat die Ihnen der Vater mitgegeben, der Polizist war? Oder die Heimatstadt Bremen?
Böhmermann: Als ich in der elften Klasse zum ersten Mal mit der Schule im Museum Koenig war, hat unser Lehrer die Plakette gezeigt, auf der stand, dass hier, zwischen all den ausgestopften Tieren, das Grundgesetz erdacht wurde. In den USA hätte es vor fünfzig Jahren längst siebzig Spielfilme darüber gegeben.
Robitzky: Also auf jeden Fall auch interessant ist, wie viele von diesen Geschichten, die in dem Film sind, auf einer wahren Grundlage beruhen. Also diese Sache mit Elisabeth Selbert etwa. Einer von nur vier Frauen im Parlamentarischen Rat, die an Frauen im ganzen Land Briefe verfassen musste und bat, den männlichen Delegierten zu schreiben, sie zu überzeugen von dem Grundrecht auf Gleichberechtigung von Mann und Frau. Bei uns macht das dann im Film die Antilope, nicht Frau Selbert selber. Aber das sind alles so Sachen, die ich vorher auch nicht wusste, das ist schon erstaunlich aktuell.
Was denken Sie, warum sich immer mehr Leute in Deutschland von diesem Grundgesetz gerne ein bisschen entfernen würden?
Böhmermann: Das Grundgesetz ist wie eine Exceltabelle. Es gibt nichts, womit man sich emotional verbunden fühlt. Und ich glaube, um eine Sache greifbarer zu machen, muss man sie zugänglich machen. Erst dann hat ein Publikum die Chance, sich für ein Thema zu interessieren.
Wenn man Uschi Glas anruft und sie als Stimme Elisabeth Selberts haben will, hilft es sicher, wenn man das Grundgesetz erwähnt?
Robitzky: Das ist das Tolle an der Besetzung, dass es ein generationenübergreifendes Fernsehprojekt ist: Frank Elstner als Konrad Adenauer, Uschi Glas als Elisabeth Selbert, Bastian Pastewka und Olli Dittrich als Carlo Schmidt und Theodor Heuss und dann aber auch eben die aktuelle Besetzung des ZDF Magazin Royale-Ensembles. Es ist genau diese explosive Mischung an Leuten, die sonst vielleicht nicht in den gleichen Talkshowrunden sitzen würden.
Böhmermann: Ey, und Uschi Glas - mal ganz ehrlich: Sie haben es ja gesehen. Ist das nicht geil? Das ist eines der schönsten Audio-Takes, das im Film drin ist, wie sie das spricht, ist wirklich ergreifend.
Wie war die Reaktion beim ZDF auf die Pläne zum Film?
Böhmermann: Als wir sagten, wir würden gerne einen Animationsfilm machen, haben erst mal alle geschluckt. Seit die Mainzelmännchen vor 60 Jahren aus der Gebärmutter von Konrad Adenauer gekrochen sind, gab es da keine Animation mehr. Es war dann auch für den Sender learning by doing. Wir sind da echt auch ein bisschen stolz auf unsere Pionierarbeit.
Robitzky: Das Tolle am Animationsfilm ist gleichzeitig das Schlechte: dass man alles machen kann und sich darum erst mal eigene Regeln ausdenken muss, unter welchen Bedingungen dieses Universum funktioniert. Im echten Leben könnte man schwieriger Adenauer gefesselt an einem Seil durchs gesamte Museum schleudern. Das funktioniert nur in Animation. Dieser Mix aus allem - Performance plus Zeichnung plus Musik plus Skript - da gibt es so eine gebündelte Kraft, das kann wirklich nur dieses Medium.
Sie arbeiten für eine politische Satiresendung, die ja eigentlich Fehler der Politik zeigen will. Vergeht einem die Lust darauf, einen Habeck anzugehen, wenn man sieht, wie er von einem Mob am Verlassen einer Fähre gehindert wird?
Böhmermann: Wir können ja die Faschos nicht verbieten, das muss das Bundesverfassungsgericht machen. Aber was die Aufgabe von so unseriösen Typen wie mir und Miguel ist - Miguel, ich nehm dich da jetzt mal mit rein ...
Robitzky: Ja, gerne.
Böhmermann: Wir unseriösen Typen erzählen eben Geschichten und versuchen, Dinge, die wir spannend finden, auf die Bühne bringen. Sonst wären wir in der Politik oder festangestellte Referenten im Bundesfinanzministerium. Oder politische Gewalttäter. Das sind wir aber nicht geworden, bislang.