AfD-Recherche im Berliner Ensemble:Freakshow Bundesrepublik
Clevere Doku-Polit-Soap und wohlfeile Selbstfeier: Das Berliner Ensemble bringt die "Remigrations"-Recherchen von "Correctiv" auf die Bühne.
Von Peter Laudenbach
Dass die Correctiv-Recherche zu der trauten Potsdamer Runde von Rechtsextremen eine Woche nach der Veröffentlichung als szenische Lesung auf der Bühne des Berliner Ensembles (BE) gelandet und in zahlreichen Streams live versendet worden ist, ist nicht nur ein Coup für das Theater und gekonntes Marketing für die Correctiv-Journalisten. Es passt auch inhaltlich hervorragend. Denn dass die akribisch betriebene Recherche solch enorme Wellen geschlagen, Demonstrationen in zahlreichen Städten ausgelöst und die Debatte über ein mögliches Verbotsverfahren gegen die AfD neu befeuert hat, lag natürlich auch an der aberwitzigen Situation des ominösen Treffens: Ein Zahnarzt aus Düsseldorf und andere Herren aus dem gehobenen Bürgertum, ein vorbestrafter Gewalttäter und Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten, ein Lautsprecher der rechtsextremen "Identitären Bewegung" und AfD-Funktionäre mit großen Ambitionen träumen im Vollgefühl der eigenen historischen Bedeutung in gediegenem Ambiente von einem reinrassigen Deutschland und einer Machtergreifung 2.0: Das hätten sich Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek nicht irrsinniger und kaputter ausdenken können, Herrenrasse reloaded.
Was seit Jahren in Hinterzimmern, rechtsextremen Zirkeln oder am Rand von AfD-Parteitagen vor sich hin wabert, verdichtet sich in der Potsdamer Szene wie zu einem Dokumentartheater-Kammerspiel des politischen Amoklaufs aufgeblähter Biedermänner, die gerne Brandstifter wären. Was will man als Theatermacher mehr? Aber auch die verdienstvolle Recherche selbst, ihre Aufbereitung, das durchaus wirkungsorientierte Storytelling bekommen mit ein wenig Abstand etwas Theatralisches. Denn inhaltlich bieten die abgelauschten Gespräche der völkischen Herrschaften ja nichts sensationell Neues.
Um zu erfahren, dass sich AfD-Größen wie Maximilian Krah prächtig mit den Nazi-Hipstern der "Identitären Bewegung" und anderen Rechtsextremen verstehen und stolz auf ihre in diesem Milieu gepflegten Kontakte sind, genügt es, ab und zu auf den Blog und die Videos des rechtsradikalen Verlegers und Strippenziehers Götz Kubitschek zu klicken. Dass Martin Sellner, der in seiner Bedeutung womöglich stark überschätzte Frontmann (um jetzt mal nicht "Führer-Imitator" zu sagen) der Identitären Bewegung, gerne den AfD-Einflüsterer und Masterplan-Lieferanten gibt und sich an Träumen vom rechten Umsturz berauscht, kann man bei jedem seiner Auftritte oder in seinem jüngsten Buch über einen "Regime Change von rechts" besichtigen.
Kay Voges inszeniert die Potsdamer Gesellschaft als heitere Tafelszene
Und auch dass der Düsseldorfer Zahnarzt Gernot Mörig, der Initiator des Potsdamer Treffens, der seit Jahrzehnten in rechtsradikalen Kreisen aktiv ist und einst stolzer "Bundesführer" des inzwischen verbotenen Bundes Heimattreuer Jugend war, ist kein Geheimwissen des Verfassungsschutzes. Zum Knaller wurde die akkurate Correctiv-Recherche, weil sich in der Potsdamer Tafelrunde die sich überlappenden Milieus der Rassisten und Demokratieverächter in einem bizarren Setting ein Stelldichein geben und ihren völkischen Deportationsfantasien freien Lauf lassen - und weil man sie angesichts der Umfragewerte der AfD nicht einfach als rechtsradikalen Bodensatz ohne größere Bedeutung abhaken kann.
Dass solche diskreten Gesprächsrunden einer "rohen Bürgerlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer) offenbar seit Jahren unter wechselnden Akteuren stattfinden, konnte man ahnen, als in den vergangenen Tagen bekannt geworden ist, dass Peter Kurth, immerhin der frühere Berliner CDU-Finanzsenator, im vergangenen Jahr Leute wie Sellner, Kubitschek und die Fraktionsvorsitzende der Berliner AfD, Kristin Brinker, bei einem vertraulichen Treffen in seiner Privatwohnung versammelt hat.
Zum Aberwitz der ganzen Situation und des schillernden Milieus wohlsituierter Verfassungsfeinde passt es dann natürlich, dass just am Abend der Aufführung im Berliner Ensemble Sahra Wagenknecht in einer Talkshow entspannt zum Besten gibt, dass sie in losem Kontakt zu Gernot Mörig stand, ohne zu wissen, dass es sich um einen Rechtsextremisten handelt: Freakshow Bundesrepublik.
Kay Voges inszeniert die Potsdamer Gesellschaft am Berliner Ensemble als heitere Tafelszene: ein langer Tisch, dahinter vier Herren (Andreas Beck, Max Gindorff, Oliver Kraushaar, Veit Schubert) und eine Dame (Constanze Becker) in schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Neigt die Correctiv-Rhetorik zur Dämonisierung und Sensationalisierung der konspirativ einberufenen Versammlung freidrehender Deutschnationaler, macht Voges genau das Gegenteil: Er entdeckt die latente Komik der aufgeblasenen Runde.
Muss das scheppernde Pathos sein, mit dem man sich im BE nun selbst beklatscht?
Der Zahnarzt mit Geltungsdrang, der dröhnt, er sei "seit meinem sechsten Lebensjahr dabei", und um Geheimhaltung und "größte Diskretion" bittet, als würden hier mindestens Staatsgeheimnisse verhandelt, die Bühnenversion der AfD-Abgeordneten Gerrit Huy, die keift, sie selbst habe das Konzept der "Remigration" schon vor Jahren und zwar als erste "in die Partei eingebracht", oder die Figur Ulrich Siegmund, AfD-Fraktionsvorsitzender aus Sachsen-Anhalt, der penetrant um illegale Spenden bettelt, vorbei an den offiziellen Parteikanälen, direkt in seinen Geldbeutel - das sind hier auch Knallchargen eines Realschmierentheaters. Das macht sie nicht ungefährlicher, ist aber vermutlich eine präzisere Charakterisierung als ihre Überhöhung zu Umsturz-Masterminds.
Nebenbei ahnt man an diesem Abend, dass der Influencer Sellner, wie andere Influencer auch, von seinen Sponsoren zu leben scheint - Geschäftsmodell Neonazi. Diese Farce kippt und bekommt die nötige Härte, als die Schauspieler den Potsdamer Auftritt des vorbestraften Gewalttäters Mario Müller referieren: Als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten kommt er angeblich auch an nicht öffentlich zugängliche Unterlagen. Das mag die übliche Großsprecherei sein, aber als der Müller-Darsteller damit angibt, polnische Schläger-Hooligans auf einen nach Polen ausgewanderten deutschen Antifaschisten aufmerksam gemacht zu haben ("die haben ihn dann konfrontiert"), wird kurz die militante, gewaltbereite Dimension der rechten Umsturzpläne deutlich. Der echte Mario Müller allerdings bestreitet gegenüber Correctiv diese Darstellung.
Natürlich ist der Abend im ausverkauften BE auch eine etwas wohlfeile Selbstfeier, bei der das Publikum, vom CDU-Kultursenator Joe Chialo bis zum sehr linken Linkspartei-Aktivsten Andrej Holm und jugendlichen Antifas, sich am Ende mit einem ausgedehnten Gesinnungsapplaus auch selbst beklatscht. Andererseits: Was spricht dagegen, sich gegenseitig Mut zu machen, schließlich wird sich die Auseinandersetzung mit der AfD noch länger hinziehen. Und natürlich fragt man sich, ob das scheppernde Pathos sein muss, mit dem sich die Correctiv-Journalisten, die für ihre Arbeit angeblich "ihr Leben riskiert" haben, selbst heroisieren, als wären sie mindestens Carl von Ossietzky und die Bundesrepublik ein paar Wochen vor einer Höcke-Diktatur.
Am Ende ist es eine saubere Recherche und ein cleverer Doku-Polit-Soap-Theaterabend, nicht mehr. Aber halt auch nicht weniger.