Einbürgerung:"Ich kann beides sein - albanisch und deutsch"
Der Bundestag entscheidet über die doppelte Staatsbürgerschaft für alle - nicht mehr nur für EU-Bürger. Zwei Frauen und ein Mann erzählen, was das für sie bedeutet.
Protokolle: Ayça Balcı
Es wurde lange gestritten über das neue Staatsangehörigkeitsrecht. Nun entscheidet der Bundestag über die Reform. Zum ersten Mal soll die doppelte Staatsbürgerschaft für alle möglich werden, nicht mehr nur für EU-Bürger. Einwanderer müssen dann nicht mehr acht Jahre warten, sondern dürfen die Einbürgerung schon nach fünf Jahren, bei besonders guten Leistungen sogar bereits nach drei Jahren beantragen.
Die Reform ist auch eine Reaktion auf die geringe Einbürgerungsrate Deutschlands im EU-Vergleich. Mehr als zwölf Millionen Menschen in Deutschland besitzen keinen deutschen Pass - dabei lebt knapp die Hälfte schon seit mindestens zehn Jahren im Land. Drei Menschen erzählen, was die Reform und die deutsche Staatsangehörigkeit für sie bedeutet.
Merve Zurnacı, Logistikerin aus der Türkei, lebt seit vier Jahren in Deutschland
Die deutsche Staatsbürgerschaft möchte ich vor allem deshalb, weil ich ohne sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt Schwierigkeiten erlebe. Ich bin für ein Masterstudium aus Istanbul nach Deutschland gekommen und arbeite seit meinem Abschluss in einem Logistik-Unternehmen. Allerdings mache ich dort eine Arbeit, die unter meinen Qualifikationen liegt. Den Job zu wechseln mit einem Nicht-EU-Pass, ist aber gar nicht so einfach.
Mich wollte mal eine Headhunterin abwerben, doch als sie erfuhr, dass meine Arbeitserlaubnis nur für meinen aktuellen Arbeitgeber gilt, hat sie davon Abstand genommen. Als Person ohne deutsche Staatsangehörigkeit begegnet man einer immensen Bürokratie, die dem Kampf gegen den Fachkräftemangel nicht gerade hilft. Ich kann mir vorstellen, dass manche Arbeitgeber den Aufwand, den sie für einen Arbeitnehmer aus einem Nicht-EU-Land betreiben müssen, scheuen. Oft müssen Stellen schnell besetzt werden. Da ich nicht so schnell an eine neue Arbeitserlaubnis komme, sind meine Chancen viel geringer. Und das, obwohl ich die erforderlichen Qualifikationen mitbringe und vielleicht perfekt in die Stellenausschreibung hineinpasse - aber eben keine deutsche Staatsbürgerschaft besitze.
Dank der Reform kann ich die Einbürgerung schon dieses Jahr statt erst in drei Jahren beantragen. Wahrscheinlich würde ich mit dem neuen Recht auf die doppelte Staatsbürgerschaft meinen türkischen Pass behalten. Letztlich gehört das Türkische auch zu meiner Identität. Weil ich aber nicht mehr in der Türkei lebe, halte ich es nicht für richtig, mit meinem Wahlrecht darüber entscheiden zu dürfen, wer dort regiert. Das ist unfair den Menschen gegenüber, die dort die direkten Auswirkungen zu spüren bekommen. Stattdessen will ich hier mitentscheiden. Ich lebe in Nordrhein-Westfalen, im Nachbarbundesland Hessen ist die AfD inzwischen zweitstärkste Kraft. Mit der deutschen Staatsbürgerschaft würde ich mein Wahlrecht gegen den Rechtsruck in Deutschland nutzen.
Liridona Hajdarmataj, Zahnarztassistentin aus Albanien, seit zwölf Jahren in Deutschland
Eigentlich hatte ich nie vor, auszuwandern. Ich habe Zahnmedizin in Albanien studiert und kam nur der Liebe wegen nach Deutschland. In den Ausländerbehörden hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Gesetze direkt vor Ort gemacht werden, weil häufig jeder Beamte etwas anders sagte. Ich fühlte mich oft hilflos.
Sechs Jahre lang habe ich mich von der einen befristeten Aufenthaltserlaubnis zur nächsten gehangelt, bis ich endlich die unbefristete bekam. Als Teil dieser Gesellschaft habe ich mich aber nie wirklich gefühlt. Nachdem mein Mann und ich uns nach Jahren getrennt hatten, fragte ich mich: Was mache ich jetzt? Gehe ich zurück nach Albanien? Ich war aber schon viele Jahre hier, hatte sehr dafür gekämpft, die Sprache zu lernen, mich hier zu integrieren. Ich hatte zwar dort meine Familie, aber auch hier mein neues Umfeld.
Ich entschied mich, zu bleiben und den deutschen Pass zu beantragen. Ein wichtiger Grund war für mich das Wahlrecht. Seitdem ich in Deutschland war, hatte ich in Albanien nicht gewählt. Es fühlte sich nicht gut an, weder hier noch dort eine Stimme zu haben. Politik war für mich immer ein wichtiges Thema, wenn man aber nicht wählen darf, zieht man sich häufig komplett aus politischen Debatten zurück. Man denkt: Meine Sichtweise zählt doch ohnehin nicht. Das ist schade, wenn man doch eigentlich etwas bewirken will.
Als man mir knapp zwei Jahre nach dem Einbürgerungsantrag den albanischen Pass abnahm, war das schon etwas emotional. Noch trauriger wurde ich, als ich erfuhr, dass das Recht auf die doppelte Staatsbürgerschaft bald auch für Nicht-EU-Bürgerinnen und -Bürger gelten soll. Hätte ich die Wahl gehabt, dann hätte ich den albanischen Pass behalten. Nicht nur Nerven und Kosten für die Ausbürgerung wären mir erspart geblieben, auch bestimmte Rechte in Albanien hätte ich nicht aufgeben müssen - schließlich habe ich immer noch Familie dort. Man weiß ja nie, vielleicht muss ich irgendwann zurück und habe dann dort erst einmal keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Mit der doppelten Staatsbürgerschaft wäre einiges einfacher.
Nach der Einbürgerung haben mich Leute gefragt, wie ich mich denn jetzt als Deutsche fühlen würde. Ich fand das etwas unangebracht. Ich fühlte mich genauso wie vorher. Mein Identitätsgefühl ist nicht an meinen Pass gebunden; ich kann beides sein - albanisch und deutsch. Aber durch die deutsche Staatsangehörigkeit habe ich jetzt Rechte und auch Pflichten, die mich stärker als ein Teil dieser Gesellschaft fühlen lassen. Ich kann mich jetzt auf Jobs bewerben, für die ich vorher nicht infrage kam. Ich darf wählen und nehme den Platz ein, der mir in dieser Gesellschaft zusteht. Und ich kann mich jetzt am Flughafen in die Schlange für EU-Pässe stellen - da geht es schneller.
Ilya Galle, Informatiker, seit 21 Jahren in Deutschland
Als ich 24 Jahre alt war, kam ich als jüdischer Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Für uns gab es bis 2007 eine Sonderregelung, die die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglichte. Weil ich aber sofort den unbefristeten Aufenthaltstitel bekam, blieb ich einfach bei der russischen Staatsbürgerschaft. Ich musste schließlich nicht ständig zur Ausländerbehörde, um den Aufenthaltstitel zu verlängern.
Vor ungefähr acht Jahren habe ich mich aber doch dazu entschieden, den deutschen Pass zu beantragen. Ich habe schließlich hier studiert, bin hier berufstätig, mein Leben findet hier statt.
Allerdings hat meine Einbürgerung damals wegen sehr hoher bürokratischer Hürden nicht geklappt. Dann habe ich es dabei belassen. Mich wollte ja niemand aus Deutschland wegschicken.
Doch inzwischen, genauer seit dem 24. Februar 2022, hat sich die Situation verändert. Ich hatte schon davor lange nichts mehr mit Russland zu tun, aber inzwischen möchte ich noch mehr Abstand nehmen. Russland ist jetzt ein Land, dessen Staatsangehörigkeit man nicht gerne hat. Ich bin aber im Zwiespalt, denn mit einem Antrag auf Ausbürgerung in Russland würde ich auch dort mit bürokratischen Hürden konfrontiert werden.
Vor allem müsste ich dem Staat Geld dafür bezahlen. Damit würde ich in gewisser Weise die Putin-Regierung finanziell unterstützen und das will ich nicht. Die beste Lösung wäre für mich, die russische Staatsbürgerschaft einfach auf dem Papier stehenzulassen, aber trotzdem die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.
Das ist mir auch deshalb wichtig, weil ich aktiv in der deutschen Gesellschaft mitwirke. Ich engagiere mich in einem Verein für viele unterschiedliche Migranten-Communitys, leiste also meinen Beitrag, auch zum politischen Leben in Deutschland - nur darf ich selbst nicht wählen. Das finde ich schon unfair.
Deutschland ist ein Einwanderungsland und das schon lange, ob es nun von der Politik oder Teilen der Gesellschaft akzeptiert wird oder nicht. Tatsache ist, dass in Deutschland sehr viele Menschen mit multikulturellen Identitäten leben und das sollte sich auch im Staatsbürgerschaftsgesetz spiegeln. Ein allgemeines Recht auf Mehrstaatigkeit ist längst überfällig.