"Hamburg steht auf" – Die größte Anti-AfD-Demo, die es bisher gab | Politik
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"Hamburg steht auf":Die größte Anti-AfD-Demo, die es bisher gab

Zehntausende strömen am Freitag Richtung Binnenalster, um gegen rechts zu protestieren. Es sind so viele Menschen, dass die Veranstaltung um 16.40 Uhr abgebrochen werden muss.

Von Oliver Klasen und Jana Stegemann

Das hat es in Hamburg wohl selten gegeben. Eine Demonstration, die abgebrochen werden muss - nicht etwa, weil einzelne Teilnehmer gewalttätig werden, sondern weil die Demo schlicht zu erfolgreich ist. Weil immer mehr Menschen aus den Seitenstraßen zum Veranstaltungsort drängen und weil es Veranstaltern und Polizei irgendwann zu brenzlig wird. Die Fotos, die am Nachmittag aus Hamburg über die Nachrichtenagenturen verschickt werden, zeigen einen komplett von Menschen eingenommenen Jungfernstieg. 10 000 Menschen hatten die Veranstalter angemeldet, aber es wird schnell klar, dass es deutlich mehr sind.

Schon um 15.30 Uhr, als die Veranstaltung beginnt, strömen 30 000, 35 000 Menschen an die Binnenalster, später sind es laut Polizei 50 000. Die Veranstalter sprechen zeitweise sogar von 130 000 Menschen, korrigieren diese Zahl allerdings später auf 80 000. Zähle man die vielen Menschen hinzu, die noch in den umliegenden Straßen festgesteckt und versucht hätten, den Kundgebungsort zu erreichen, läge die Zahl weit höher, sagt einer der Organisatoren.

Man habe schlicht Angst gehabt, dass Menschen in die Alster fallen, heißt es von der Polizei. Es seien bereits Menschen in der Menge kollabiert, die Feuerwehr komme nicht mehr durch, sagt der Veranstalter. Daher wird um 16.40 Uhr durchgesagt: "Bitte verlassen Sie den Platz, aber vorsichtig".

"Hamburg steht auf", das ist das Motto der Demo. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen ein Zeichen setzen gegen die AfD und gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft. Gegen die Gefahr, die für die Demokratie droht. Auf den Straßen: die Mitte der Gesellschaft. Nicht die Mitte, die in Politikerreden gerne beschworen wird, sondern tatsächlich ein Querschnitt der Menschen, die in diesem Land leben: Paare, Gruppen von Freundinnen, Auszubildende, Studierende, ältere Menschen, Familien mit Kindern, auch sehr kleinen Kindern, sogar Babys, die in Tragen vor die Brust geschnallt sind. Es schneit leicht, minus zwei Grad.

Schülerinnen skandieren: "Ganz Hamburg hasst die AfD". Es wirkt wie ein großes Straßenfest, doch es ist sehr viel mehr als das. Seit das Medienhaus Correctiv vergangene Woche ein Treffen von Rechtsradikalen in Potsdam enthüllt hat, an dem zahlreiche AfD-Politiker und auch einzelne CDU-Leute teilgenommen haben sollen, ist etwas passiert in der Republik. Die Rechtsradikalen hatten dem Bericht zufolge über Vertreibungspläne gesprochen, darüber, wie man Menschen mit Migrationsgeschichte in großem Stil loswerden, außer Landes bringen kann, auch unter Zwang.

Und es passiert jetzt das, was der frühere Bundespräsident Roman Herzog einst in ganz anderen Zusammenhang gefordert hat: Es geht ein Ruck durch Deutschland. Demokratinnen und Demokraten, die lange stumm, vielleicht sogar ohnmächtig waren ob des Erfolgs der Rechten, stehen auf und werden laut. Sie spüren, dass sie etwas tun müssen, dass sie vielleicht die Pflicht haben, etwas zu tun. In Dutzenden Städten hat es Demonstrationen gegeben. In Berlin, Potsdam, Köln, Leipzig, Saarbrücken, Jena, Kiel, Bielefeld, Bochum. Fast überall war der Zustrom größer als erwartet.

Deutschland ist eigentlich kein Land der Großkundgebungen. In Frankreich, Spanien, Italien, da kommen schnell Hunderttausende Menschen zusammen, wenn Gewerkschaften zu Protesten aufrufen. Aber 80 000 im Hamburg, 20 000 in Münster, ebenfalls am Freitag, das sind außergewöhnliche Zahlen. Weitere Demonstrationen sind geplant: Eine der mutmaßlich größten Kundgebungen ist am Sonntag in München angekündigt, dort rechnen die Veranstalter mit 30 000 Menschen, konservative Schätzung. Und die Liste der Städte wird über das Wochenende noch länger: Karlsruhe, Braunschweig, Dortmund, Erfurt, Frankfurt am Main, Hannover, Nürnberg, Stuttgart, Heidelberg, Berlin, Dresden, Köln, Bonn, Chemnitz und Flensburg. Selbst in Westerland auf Sylt ist eine Kundgebung angemeldet.

Unterstützung vom Kanzler

Vorläufig ist jedoch das, was am Freitagnachmittag in Hamburg geschah, die größte Anti-AfD-Demo, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Initiiert worden war die Kundgebung vom Verein "Unternehmer ohne Grenzen", der evangelischen Nordkirche und dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Zudem kam Unterstützung von Vereinen, Parteien, Wirtschaftsverbänden, Ärzte- und Anwaltsvereinigungen, Künstlerinnen und Künstlern und von Prominenten. Auch zwei Hamburger Ehrenbürger haben sich gemeldet und zur Teilnahme aufgerufen, John Neumeier, 84, Intendant des Balletts an der Hamburger Staatsoper, und Udo Lindenberg, 77, den man nicht vorstellen muss, in Hamburg sowieso nicht.

Und es gibt Rückendeckung von der Spitze der Regierung: Der Kanzler sprach - und ließ wissen, dass er die Demonstrationen voll und ganz unterstütze. "Das, was wir gerade hier in unserem Land erleben, geht uns wirklich alle an - jede und jeden von uns", so Scholz in einem Statement für seine Videoreihe "Kanzler kompakt". "Ich sage es in aller Deutlichkeit und Härte: Rechtsextremisten greifen unsere Demokratie an. Sie wollen unseren Zusammenhalt zerstören."

Die Pläne, die die Rechtsradikalen bei ihrem Treffen in Potsdam formulierten, vergleicht der Kanzler mit der Rassenideologie der Nazis. "Nichts anderes kommt in den abstoßenden Umsiedlungsplänen der Extremisten zum Ausdruck", sagt er. Es sei "fürchterlich", dass sich manche Migranten nun sogar fragten, ob sie noch eine Zukunft in Deutschland hätten. "Sie gehören zu uns! Unser Land braucht Sie!", sagte Scholz in ihre Richtung.

In Hamburg war Scholz auch einmal Erster Bürgermeister, 2011 bis 2018. Bei der Demonstration sprach sein Nachfolger, Peter Tschentscher. Es sei ein Punkt erreicht, an dem "alle Demokratinnen und Demokraten aufstehen müssen". Und es sei ermutigend zu sehen, wie viele gekommen sind, "um in der vielleicht kritischsten politischen Phase unseres Landes nach dem Zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite zu stehen", rief Tschentscher von einer Bühne.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die auch amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, drückte es so aus: "Als Kirchen werden und dürfen wir nicht schweigen - heute nicht und morgen auch nicht, denn christlicher Glaube und völkisches Denken passen nicht zusammen - genauso wenig wie Kreuz und Hakenkreuz."

AfD verhinderte Demo am Rathaus

Ursprünglich sollte die Hamburger Demonstration nicht auf dem Jungfernstieg stattfinden, sondern auf dem Rathausmarkt. Doch das verhinderte die AfD kurzfristig, indem sie eine Fraktionssitzung anmeldete. Dann greift eine Bannkreis-Regelung und im Umkreis von 350 Metern rund um das Rathaus darf nicht demonstriert werden. Als am späten Nachmittag die Demo am Jungfernstieg beendet wurde, zogen zahlreiche Teilnehmer zum ursprünglichen Kundgebungsort vor dem Rathaus. Die Polizei hatte die Absperrungen geöffnet. Auch vor dem Rathaus war die Parole des Tages wieder zu hören "Ganz Hamburg hasst die AfD".

Die U-Bahn-Stationen Rathausmarkt und Jungfernstieg wurden da wegen Überfüllung schon längst nicht mehr angefahren, die Menschen stiegen an anderen Stationen aus und liefen los - bis sie den Platz vor dem Rathaus erreichten. Auf einem Foto eines Reporters der Hamburger Morgenpost ist zu sehen, dass am Rathausmarkt einzelne Rauchtöpfe gezündet wurden, sonst blieb es friedlich. Am Ende musste die Feuerwehr zwölf Personen behandeln. Allerdings nicht wegen Zusammenstößen auf der Demonstration. Sondern, weil sie wegen der Glätte gestürzt waren.

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